Erfahrungsbericht Gülcan Akkaya, HSLU

Gülcan Akkaya
Gülcan AkkayaImage: Gülcan Akkaya, HSLU

Interview mit Frau Gülcan Akkaya, Dozentin und Projektleiterin an der Hochschule Luzern

12. März 2021

Wie hat COVID-19 Eure Forschung in Entwicklungs- und Transitionsländern beeinflusst und wie seid Ihr mit diesen Auswirkungen umgegangen?

Wir haben ein gemeinsames Forschungsprojekt in West-, Nord- und Ostafrika: «Welcoming Neighborhoods (WelCIT)». Dieses Projekt befasst sich mit Innovation und Migration in einem urbanen Kontext und wird von Swissuniversitites finanziert. Beteiligt sind die Universität Genf, die Hochschule Luzern, die Fachhochschule in Genf (HES-SO) und die Fachhochschule im Tessin (SUPSI) sowie die Universitäten vor Ort. Die Hochschule Luzern Soziale Arbeit (HSLU) und die Universität in Addis Abeba widmen sich im Besonderen der ökonomischen Innovation von Flüchtlingen in Addis Abeba.

Mitten im Projekt hat COVID-19 zu Reisebeschränkungen geführt und wir konnten nur noch virtuell mit unseren Partnern zusammenarbeiten. In Äthiopien war in diesem Jahr aber das Internet aus politischen Gründen längere Zeit lahmgelegt. So waren für unsere Zusammenarbeit virtuelle Meetings oft nur eingeschränkt möglich und wir mussten uns auf einen schriftlichen Austausch beschränken. Dennoch hat die Zusammenarbeit mit unseren Partnern vor Ort einigermassen funktioniert.

Das Projekt sah auch Besuche vor Ort vor. So war gegen Ende des Projekts eine Konferenz in Äthiopien geplant, um den Projektpartnern und interessierten Kreisen vor Ort die Forschungsresultate vorzustellen und zu diskutieren. Diese konnte dann leider nicht stattfinden und eine Online-Durchführung als Alternative war auch nicht möglich, da eben viele Personen in Äthiopien ungenügenden Internetzugang haben. Zuerst wurde die Konferenz verschoben und später abgesagt. Das Projekt konnte dank der Flexibilität von Swissuniversities verlängert werden. Nun muss es jedoch ohne die Präsentation und Diskussion der Forschungsresultate vor Ort abgeschlossen werden. Eine weitere Verschiebung hätte die Aktualität der Daten beeinträchtigt. Doch auch so hat das Projekt aufschlussreiche Ergebnisse gebracht, die nun publiziert werden.

Habt Ihr auch Forschung zu COVID-19 und dessen Auswirkungen in Entwicklungsländer gemacht?

Natürlich war das nach Ausbruch der Pandemie ein Thema. Hinzu kam der Bürgerkrieg im Norden Äthiopiens, der zwar nicht unmittelbar Einfluss auf die Hauptstadt hatte, aber doch das politische Gefüge im Land veränderte. In Zusammenhang mit COVID-19 haben wir vor Ort eine kleine Studie zu den Auswirkungen der Pandemie auf die wirtschaftliche Lage von Flüchtlingen in Äthiopien gemacht. Diese Studie basiert auf den bestehenden Kooperationen mit unseren Kolleginnen und Kollegen in Äthiopien und wurde von unserer Hochschule finanziert. Gerade in solchen Krisen ist es für die Kolleginnen und Kollegen vor Ort wichtig, dass gemeinsame Projekte weitergehen und Kooperationen nicht abgebrochen werden.

Mit der Studie analysierten wir Auswirkungen von COVID-19 auf die Existenzsicherung und den Lebensalltag von Flüchtlingen. Der informelle Sektor im Globalen Süden, in dem viele der von uns in der Hauptstudie befragten Flüchtlinge tätig sind, ist besonders stark von COVID-19 betroffen. Wir haben gefragt, welche Möglichkeiten Flüchtlinge haben, um sich zu schützen und ihre Existenz zu sichern. Für die meisten von ihnen, die sich in Nischen ein Überleben sichern, haben die ökonomischen Probleme im Zusammenhang mit COVID-19 Vorrang vor den gesundheitlichen Risiken. Aufgrund der Pandemie sind bekanntlich weltweit Millionen von Menschen erneut in die Armut gerutscht. An Beispielen liess sich gut aufzeigen, wie der Einbruch der globalen Wirtschaft selbst am untersten Rand der Gesellschaft direkten Einfluss auf die Existenzsicherung hat. Ein Ziel der Studie ist, aus den Erkenntnissen Unterstützungsmassnahmen für die Flüchtlinge abzuleiten. Mehr zur Studie.

Es wäre aber problematisch, wenn der Fokus der Forschung nun nur noch auf die COVID-19 Pandemiegelegt würde. In Ländern des Globalen Südens ist COVID-19 nur eins von vielen Problemen. Ich befürchte, dass es bald nur noch Geld für Forschung zu COVID-19 gibt und dass insbesondere die Forschungszusammenarbeit mit dem globalen Süden dabei zu kurz kommt oder geschwächt wird.

Was braucht es, um globale Forschungspartnerschaften besser zu fördern?

Es ist wichtig, die Forschung auf bestehenden Kooperationen aufzubauen, gerade auch um COVID-19 Auswirkungen zu analysieren. Wichtiger noch: Die Kooperationen müssen weiter gepflegt werden. Beziehungen zu Forschungspartnern im Süden aufzubauen, ist eine langfristige und anspruchsvolle Aufgabe. Deshalb sollten weiterhin Mittel für partnerschaftliche Forschungsprojekte gesprochen und Forschungspartner auch während der Krise unterstützt werden. Dies ist ein Appell an alle Forschungseinrichtungen.

Wichtig ist auch zu verstehen, wie Institutionen im Globalen Süden mit dem Lockdown und damit verbundenen Herausforderungen umgegangen sind. Im Globalen Süden ist die Nutzung digitaler Kommunikationstechnologien höchst bedeutsam, weil sie den Anschluss an die Forschungscommunity ermöglicht. Allerdings ist sie aber nur beschränkt möglich, da nicht alle einen Computer und Zugang zum Internet haben und das Internet nicht immer funktioniert. Viele Hochschulen, aber auch alle anderen Ausbildungsstätten im globalen Süden waren längere Zeit geschlossen. Dies hat nicht nur Einfluss auf den Bildungsstand, sondern vielerorts auch auf die Ernährung und Gesundheit der Kinder und Jugendlichen, namentlich dort, wo ärmere Bevölkerungsschichten nur an Schulen auf eine feste Mahlzeit zählen können.


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