Erfahrungsbericht Heinzpeter Znoj, Institut für Sozialanthropologie Uni Bern

Heinzpeter Znoj, Institut für Sozialanthropologie Uni Bern
Heinzpeter Znoj, Institut für Sozialanthropologie Uni Bern

Interview mit Heinzpeter Znoj, Professor am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern

2. Juni 2021

Wie hat COVID-19 eure Forschung in Entwicklungs- und Transitionsländern beeinflusst und wie seid ihr mit diesen Auswirkungen umgegangen?

Die Covid-19-Pandemie hatte erhebliche Auswirkungen. Doktorierende und Masterstudierende konnten aufgrund der Pandemie nicht mehr wie geplant für ihre Feldforschung ins Ausland reisen. Doktorierende, die etwas mehr Zeit haben für ihre Forschung, konnten diese teilweise verschieben. Viele Masterstudierende, die ein kürzeres Zeitfenster für ihre Feldforschung haben, mussten kurzfristig ein neues Forschungsthema mit Feldforschung in der Schweiz entwickeln. Dies wird Einfluss auf deren Forschungskarriere haben. Da sie um ihre Forschungserfahrung im Ausland gebracht wurden, fokussieren sie nun eher auf Themen mit Bezug zur Schweiz. Damit verlieren wir ein bis zwei Jahrgänge künftiger Forschender im Globalen Süden. Dies wird auch die Forschung im Globalen Süden schwächen.

Es gab aber auch Studierende, die, um dennoch ihre Feldforschung durchführen zu können, eine Quarantäne in Kauf genommen haben und die kurzen Zeitfenster nutzten, in denen Reisen möglich waren. Bei längeren Forschungsaufenthalten fällt die Quarantäne weniger ins Gewicht. Das Problem ist aber, dass während dem Lockdown auch vor Ort Feldforschung erschwert ist. Manuel Insberg hat dazu einen spannenden Erfahrungsbericht im Anthroblog geschrieben.

Auch in der Lehre hat die COVID-19-Pandemie für Studierende und Dozierende zu Einschränkungen und Mehraufwand geführt. Aliina Walther hat ihre Erfahrungen zum Studieren während der Pandemie in einem weiteren Anthroblog beschrieben.

Bei laufenden Forschungsprojekten stieg der Druck aufgrund der Pandemie enorm. Wenn Feldforschung nicht wie geplant möglich ist, wird es schwierig, Projekte rechtzeitig abzuschliessen. Der SNF hat deshalb zahlreiche Projekte aufgrund der Pandemie um drei Monate verlängert. Auch uns hat das sehr geholfen.

Die COVID-19-Pandemie bot aber auch neue Möglichkeiten. Ich konnte beispielsweise über Zoom an mehreren indonesischen Universitäten Seminare durchführen, was vor der Pandemie nicht möglich gewesen wäre, weil ich aus zeitlichen und ökologischen Gründen nicht nur dafür dorthin gereist wäre. In Zukunft wird es vermehrt solche für die akademische Nord-Süd-Partnerschaft vorteilhafte Formate geben.

Für ein neues Forschungsprojekt sehen wir für den Fall, dass wir nicht selbst Feldforschung vor Ort machen können, indirekte Feldforschung mit Online-Methoden vor. Dabei organisiert beispielsweise jemand vor Ort Fokusgruppen-Interviews und wir nehmen online aus der Schweiz daran teil. Für eine solche Forschungszusammenarbeit braucht es aber bereits etablierte starke Forschungspartnerschaften.

Heisst das, dass sozialanthropologische Forschung über Online-Kommunikationsmittel nur beschränkt möglich ist?

Natürlich sollte sozialanthropologische Forschung wenn immer möglich Online-Kommunikationsmittel nutzen. Beispielsweise für den weiteren Austausch mit Menschen, die man bereits kennt. Insbesondere in Regionen mit schwierigen Menschenrechtslagen ist es aber wichtig, dafür sichere Kommunikations-Netzwerke zu nutzen und den Datenschutz zu gewährleisten, um Forschungsteilnehmende nicht zu gefährden.

Generell ist sozialanthropologische Forschung immer noch darauf ausgelegt, Feldforschung vor Ort zu betreiben. Wir begleiten in teilnehmender Beobachtung Menschen bei ihren Tätigkeiten, nehmen an ihrem Sozialleben teil und befragen sie in Interviews dazu. Dafür bauen wir Vertrauensbeziehungen mit den Menschen vor Ort auf. Es stellt sich schon die Frage ob und wie das ausschliesslich online ohne Aufenthalte vor Ort möglich wäre. So stellen Reisebeschränkungen, wie sie aufgrund der COVID-19-Pandemie gelten, die Sozialanthropologie als Fach und generell die Forschung im Globalen Süden vor enorme Herausforderungen. Die tiefen Impfraten im globalen Süden lassen befürchten, dass die Normalität für uns noch länger nicht zurückkehren wird.

Weiterführende Literatur:

Habt Ihr auch Forschung gemacht um die Auswirkungen der COVID-19 Pandemie zu verstehen und darauf zu reagieren?

Einzelne Master-Studierende haben sich im Rahmen von Seminar- und Abschlussarbeiten spezifisch mit diesen Thematiken befasst und spannende Erkenntnisse zu Tage gefördert. Grössere Forschungsprojekte dazu haben wir bei uns am Institut aber leider nicht aufgleisen können. Aber wir beobachten, wie die Pandemie in bereits laufenden Forschungen zu anderen Fragestellungen zum Thema gemacht wird, denn die Pandemie wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Beispielsweise im Projekt «Silicon Mountains» erforschen wir Bergregionen als neue Arbeitsorte von digitalen Nomaden. Dabei zeigt sich, dass der Trend, Ferienwohnungen zum Arbeiten zu nutzen, durch die COVID-19-Pandemie verstärkt wurde.

Um Auswirkungen der Pandemie noch besser erforschen zu können, ist es wichtig, dass es einfache und unbürokratische Möglichkeiten gibt, Geld für kleine Projekte für 3-4 Monate zu erhalten. Das Spark-Programm des Schweizerischen Nationalfonds bot eine solche Finanzierung, wird aber ausgerechnet in diesem Jahr leider nicht angeboten.

Was braucht es, um Globale Forschungspartnerschaften besser zu fördern?

Für erfolgreiche globale Forschungszusammenarbeit braucht es starke Forschungsinstitutionen im Globalen Süden. Zurzeit können Forschende im Globalen Süden nur über Projektförderung des Schweizerischen Nationalfonds unterstützt werden. Solche Forschungsprojekte tendieren fast zwangsläufig dazu, in koloniale Muster zu verfallen. Ein Korrektiv dazu wäre, in die Fähigkeit der Partneruniversitäten zu investieren, eigenständig Spitzenforschung zu betreiben, also in Doktoratsprogramme und Zugang zu den führenden Zeitschriften an diesen Universitäten selbst. Nur durch projektbasierte Forschungspartnerschaften kann dies nicht erreicht werden. Beispielsweise in unserem r4d-Projekt konnten Doktorandinnen und Doktoranden aus Laos ihre Dissertation nur in Thailand, Malaysia oder China machen, da Doktoratsprogramme in Laos fehlen. Die chinesischen und thailändischen BetreuerInnen verfolgten teilweise eigene Forschungsziele und interessierten sich nicht für die Fragestellungen unseres Projekts. So erschwerte das Fehlen starker akademischer Institutionen vor Ort die Arbeit und Wirksamkeit des Forschungsprojekts.

Längerfristig ist es also wichtig, dass Forschende im Globalen Süden unabhängig vom Norden Forschung machen könnten und vor Ort über gute Ausbildungsmöglichkeiten verfügen. Die COVID-19-Pandemie mit den erzwungenen Reisebeschränkungen hat diese Probleme besser sichtbar gemacht und gezeigt, wie wichtig langfristige Partnerschaften mit starken lokalen Partnern sind, um im globalen Süden erfolgreiche Forschung zu machen.

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