Erfahrungsbericht Nancy Bourgeois, HAFL

Nancy Bourgeois, HAFL
Nancy Bourgeois, HAFLImage: Nancy Bourgeois, HAFL

Interview mit Nancy Bourgeois, Dozentin für Internationale Tierproduktionssysteme an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL in Zollikofen.

An der HAFL betreibt das Hugo P. Cecchini Institut Forschung zu Landwirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländern.

1. Juni 2021

Wie hat COVID-19 Ihre Forschung in Entwicklungs- und Transitionsländern beeinflusst und wie seid ihr mit diesen Auswirkungen umgegangen?

Ab Mitte März 2020 konnten wir von einem auf den anderen Tag nicht mehr reisen. So mussten wir gewisse Forschungsaktivitäten kurzfristig anpassen. Ab diesem Zeitpunkt haben wir auf online-Kommunikation und -Kollaboration über Teams umgestellt. Glücklicherweise wurde vor dem Ausbruch von COVID-19 bei allen Mitarbeitenden Microsoft Teams bereits installiert. So konnten wir viele Aktivitäten ohne grössere Unterbrechungen durchführen. Andere Tätigkeiten mussten wir jedoch auch absagen. Beispielsweise konnten wir geplante Aktivitäten für HEKS in Georgien nicht ausführen. HEKS plante ein «Training of Trainers» vor Ort. Weil wir aber nicht reisen konnten, hat uns HEKS schlussendlich nicht mit dem Mandat beauftragt. Andere Projekte konnten wir aber online durchführen oder wir haben lokale Konsulent*innen angestellt. Diese haben dann selbständig notwendige Arbeiten vor Ort erledigt, die wir sonst selbst durchgeführt hätten. Man muss sich aber bewusst sein, dass der Lockdown in anderen Ländern viel strenger war als in der Schweiz und auch Konsulent*innen vor Ort teilweise nicht mehr ins Feld konnten.

Zwei Aspekte sind wichtig, damit Projekte trotz der Pandemie gut laufen: Zum einen braucht ein gutes Netzwerk im Land und gute Partner vor Ort, die man bereits kennt. Zudem beeinflusst die Internetverbindung vor Ort, wie gut die Zusammenarbeit läuft.

Könnten Sie das etwas weiter ausführen?

Bei der Umsetzung von Projekten durch lokale Konsulent*innen mussten wir uns voll auf diese verlassen können. In gewissen Fällen haben wir bemerkt, dass mit Datenerhebungen durch lokale Konsulent*innen vor Ort unsere Aussenperspektive fehlt. Es gibt Aspekte, die lokalen Partnern nicht auffallen, weil diese für sie zu alltäglich sind oder weil sie darauf anders trainiert sind. Zugleich fehlt uns das Gefühl für den lokalen Kontext, wenn wir nicht vor Ort waren. Darin besteht ein Risiko für die die Qualität von Forschungsergebnissen.

Neben den Konsulent*innen vor Ort hat die Internetverbindung vor Ort einen grossen Einfluss auf die Zusammenarbeit. Es gibt Länder, auch Entwicklungsländer, in denen das Internet bis in abgelegene Gegenden sehr gut ausgebaut ist. In anderen Ländern hat die Regierung zu wenig in gute Internet-Infrastruktur investiert oder der Zugang zum Internet ist stark eingeschränkt. Vor COVID-19 hatte schlechtes Internet weniger Einfluss auf die Zusammenarbeit in Projekten, weil wir uns öfters vor Ort gesehen haben. Mit den einsetzenden Reisebeschränkungen wurden gute Internetverbindungen viel wichtiger.

Die neue online-Zusammenarbeit hat Vor- und Nachteile. So ist es einfacher, sich auch spontan und kurzfristig auszutauschen. Zudem helfen online-Treffen Reisetätigkeiten zu reduzieren und so Zeit und Ressourcen zu sparen. Auf der anderen Seite fehlt bei online Treffen der soziale Austausch, beispielsweise ein gemeinsames Abendessen, bei dem man sich besser kennenlernt. Würden Projekte rein online mit Konsulent*innen vor Ort umgesetzt, gingen wichtige soziale Aspekte von Forschungspartnerschaften und unser Zugang zur lokalen Realität verloren. In Zukunft sollten Forschungsprojekte deshalb eine Mischung von online- und physischen Komponenten verbinden.

Welche Auswirkungen der Pandemie haben Sie sonst noch bemerkt?

Neben der Forschung war auch unser Studienangebot stark von der Pandemie betroffen. Unsere Agronomie-Studierenden mit Vertiefung Internationale Landwirtschaft absolvieren für ihre Bachelor-Arbeit eine halbjährige Feldforschung im Ausland. Auch viele Master-Studierende betreiben Forschung im Ausland. Im Jahr 2020 mussten wir alle Forschungsaufenthalte unserer Studierenden kurzfristig absagen und ihnen alternative Forschungsthemen in der Schweiz anbieten. Das war einerseits frustrierend für die Studierenden, andererseits auch mit grossem Mehraufwand verbunden.

Für das Jahr 2021 können nun alle Studierenden in der Internationalen Landwirtschaft wieder Forschung im Ausland betreiben. Wir haben von unseren Partnerinstitutionen im Ausland sogar erstaunlich viele Vorschläge für Studienarbeiten erhalten. Der administrative Aufwand für die Organisation der Praktika unter COVID-19-Bedingungen ist aber grösser geworden.

Auch für Studierende aus Entwicklungsländern, die an unseren Studiengängen teilnehmen, hatte die Pandemie Auswirkungen. Einige konnten nicht einreisen um zu studieren, andere konnten nach dem Studium nicht mehr zurückreisen, oder sie konnten ihre Forschung in anderen Ländern auch nicht antreten.

Hat eure Forschung beigetragen, Auswirkungen der COVID-19-Pandemie zu verstehen und darauf zu reagieren?

Die HAFL hat ein Mandat vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) in der Global Agenda for Sustainable Livestock. Dieses internationale Netzwerk hat sich 2020 vertieft mit Auswirkungen der COVID-19-Pandemie befasst und beispielsweise analysiert, wie Wertschöpfungsketten im Bereich der Tierhaltung durch die Pandemie beeinflusst wurden. So haben wir auch kurzfristig das Thema der letzten Jahreskonferenz angepasst, um uns stärker mit Auswirkungen der Pandemie zu befassen und die Konferenz online durchzuführen. Auch dieses Jahr wird die Konferenz wieder online durchgeführt. Für die Zukunft wird vielleicht ein Hybrid-Format entwickelt. Für den Austausch im Netzwerk sind Treffen vor Ort nach wie vor wichtig. Für die regionalen Konferenzen oder für Leute, die nicht reisen können, sollte es aber auch die Möglichkeit zum online-Austausch geben.

Bericht zu den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Nutztierwirtschaft

Was bräuchte es in der Forschungsförderung, um partnerschaftliche Forschung besser zu fördern?

Forschende von Schweizer Hochschulen sollten sich unbürokratischer auf Forschungsprojektausschreibungen bewerben können. Gewisse Forschende in der Internationalen Landwirtschaft an der HAFL sind sehr breit und praxisorientiert aktiv und können deshalb keine langen spezialisierten Publikationslisten vorweisen. Bei vielen Projektausschreibungen wird aber nach wie vor zu stark auf diese Publikationslisten geachtet. So sind Forschende von Schweizer (Fach-) Hochschulen, insbesondere jüngere Forschende, im Vergleich zu Forschenden von Unis oder den beiden ETHs oftmals im Nachteil. Dieser Nachteil sollte in Zukunft durch entsprechende Möglichkeiten zu anwendungsorientierten Forschungsprojekten besser berücksichtigt und ausgeglichen werden. Bei Ausschreibungen für Mandate, beispielsweise von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) oder der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), können wir uns einfacher bewerben. Bei diesen ist der Kostendruck aber aufgrund starker internationaler Konkurrenz und den hohen Lohnkosten in der Schweiz sehr gross. Auch für Mandate sollten aber genügend Mittel für die Etablierung von fairen Forschungskooperationen mit Partnern im Globalen Süden zur Verfügung stehen.

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